Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium


Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium
Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium
 
Der Epochenbegriff »Völkerwanderung« bezeichnet den Übergang von der Antike zum Mittelalter, bewirkt durch den Einbruch germanischer Völkerschaften ins römische Imperium. Der Begriff, erst im 18. Jahrhundert entstanden, umreißt die Zeit etwa zwischen 376 und 568, dem Hunnensturm und der Eroberung Italiens durch die Langobarden. Am Ende dieser Epoche sind Länder in den Mittelpunkt des historischen Blickfelds geraten, die für die Antike nur Randgebiete gewesen waren, während die Zentren, Griechenland und Italien, in die Bedeutungslosigkeit versinken.
 
Die Völkerwanderung stand mit der zeitgleichen Spätantike in einem vielfältigen Wechselverhältnis. Zwar hatte die Krisen- und zuletzt Katastrophensituation des spätantiken Reiches innere Gründe zur Genüge. Die entscheidenden Anstöße indes kamen von außen und erschütterten die Mittelmeerwelt derart, dass am Ende zusammen mit den Lebensformen auch die Kultur verfallen war, die sie kennzeichnete. Anzeichen von Schwäche wurden früh sichtbar. So hatte bereits Augustus auf eine Unterwerfung der germanischen Welt verzichtet, seine Nachfolger versuchten lediglich Grenzkorrekturen. Bevölkerungsrückgang und häufige Epidemien, dazu finanzielle und wirtschaftliche Belastungen angesichts von Kriegen und anderen Imperiumsaufgaben führten zu Zwangswirtschaft und sozialen Schwierigkeiten und damit auch zum Ende von Blüte und Wohlfahrt, die insbesondere die ersten beiden Jahrhunderte der Kaiserzeit ausgemacht hatten. Die Kosten für eine zwangsläufig starke Armee und die Aufrechterhaltung der allgemeinen Struktur mündeten so in einen Kreislauf von wachsenden Ausgaben und zunehmender Inflation, dazu in die Rückkehr zu Versorgungsautarkie und Naturalwirtschaft, die ihrerseits wieder die Urbanisierung und damit die Romanisierung des Reichsgebiets beeinträchtigten. Es kam zum Auseinanderklaffen der sozialen Schichten, an der Spitze in eine reiche mit guten finanziellen Ressourcen, Immunität (Freiheit von öffentlichen Lasten und Steuern) und Aussicht auf höchste Ämter und eine kuriale, die Beamten der städtischen Kurien umfassend, mit Verpflichtung zu Steuergarantie und Dienst in der Selbstverwaltung. Für die Eintreibung der geforderten Steuern ihres Bezirks hafteten die Kurialen mit ihrem Vermögen — für viele der Ruin. Für die niederen Schichten, die Kolonen (Kleinpächter), entwickelte sich der Kolonat zur erblichen Bindung an die Scholle und zu einer Lage ohne Aussicht auf Verbesserung; an ihr änderte auch die christliche Ethik nichts. Widerstandsbewegungen waren die Folge, bedeuteten aber weitere Belastung. Das Reformwerk Kaiser Diokletians (284—305), geschaffen in der Absicht, dem Imperiumsgefüge wieder eine stabile Grundlage zu verschaffen, scheiterte. Zugleich begann ein Auseinanderdriften der beiden Imperiumshälften, gefördert nicht zuletzt durch die dogmatischen Streitigkeiten in der christlichen Kirche.
 
 Vorformen und Voraussetzungen
 
Die Völkerwanderung als die äußere Komponente dieser Entwicklung begann freilich keineswegs erst im 4. Jahrhundert n. Chr. Vorstufen lassen sich bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. nachweisen; an ihnen waren keltische wie germanische Völkerschaften beteiligt. Im 3. Jahrhundert setzte sich dies in der Bewegung der germanischen Skiren und Bastarnen von der Weichselmündung zu den Karpaten fort, im 2. Jahrhundert führte der Zug der Kimbern und Teutonen von Jütland bis Oberitalien und Südfrankreich, und im 1. Jahrhundert erschien Ariovist mit elbgermanischen Elementen in Gallien. Als Grund gelten Naturkatastrophen in Skandinavien und an Nord- und Ostsee. Wichtig war aber zugleich die Kenntnis von einer Welt im Süden mit ihren günstigen Lebensbedingungen, ihrem Reichtum, ihrer Ordnung, die für diese Völker ein Eldorado bedeutet haben muss. Nachrichten, vermittelt wohl lange bereits auch durch die keltischen Handelszentren, werden zu einer Verdichtung entsprechender Wunschvorstellungen geführt haben.
 
Druck an der Nordgrenze
 
Dem sich daraus ergebenden Druck an der Nordgrenze des Imperiums zu begegnen, wurde in der Kaiserzeit immer schwerer. Träger der Bewegung waren die Germanen, eine Ethnie, deren Eigenständigkeit gegenüber der keltischen erst seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. bekannt war. Eine Bewältigung der germanischen Frage analog der keltischen aber war angesichts der räumlichen Ausdehnung unmöglich. Nach Verzicht auf eine expansive Germanenpolitik im 1. Jahrhundert waren Bündnisse mit benachbarten Stämmen zur Sicherung des Vorfeldes ein Provisorium, das an keiner Stelle lange hielt. Auch der am Ende des 1. Jahrhunderts in Germanien und Britannien begonnene, danach immer weiter ausgebaute Limes war höchstens ein Kontrollinstrument, zu einer Verteidigung des Imperiums reichte er nicht aus.
 
Um Christi Geburt bildeten sich offenkundig neue Konstellationen. So ließen sich an Oder- und Weichselmündung neue Zuwanderergruppen nieder, die nun, unter besseren Bedingungen, an Zahl schnell wuchsen, sich mit Teilen der ebenfalls zahlenmäßig starken Stämme der Elbgermanen zusammentaten und eine Wanderbewegung nach Südosten begannen, die sie um die Mitte des 3. Jahrhunderts bis ans Schwarze Meer führte. Das Bild, das der römische Geschichtsschreiber Tacitus um die Wende zum 2. Jahrhundert n. Chr. noch von dieser Welt zeichnet, erscheint allzu idealisiert und spricht die Dynamik der Wanderbewegung kaum an, auch wenn er die von diesen Stämmen ausgehende Gefahr für das Imperium sehr wohl erkannte. Namen tun wenig zur Sache, denn viele von denen, die Tacitus und die anderen Autoren nennen, verschwanden wieder aus den Quellen, ohne dass wir Näheres über die Träger erfahren hätten. »Goten« (bzw. »Gutonen«), »Gepiden«, »Wandalen«, »Burgunder«, »Rugier« und »Langobarden« sind zu dieser Zeit vage Bezeichnungen und verweisen weder auf eine feste Struktur noch eine staatliche Ordnung. Die Etappen ihrer Wanderbewegung sind nicht bekannt. Die Räume, durch die sie führte, waren, so weit ersichtlich, wenig bewohnt. Es kam aber zu Kontakten mit anderen Ethnien, Slawen oder Völkern indoiranischer Zugehörigkeit, und auch zu einer gewissen kulturellen Angleichung an diese, was sich in der künstlerischen Selbstdarstellung ebenso zeigt wie in der Annahme neuer kriegerischer Praktiken. Manche dieser Gruppen verweilten länger an ihren früheren Sitzen, so zum Beispiel die Langobarden und Gepiden; die Heruler wiederum erscheinen früh als gespalten in einen westlichen, im 3. Jahrhundert an der Nordsee auftretenden, und einen östlichen Zweig, der um 267 über das Schwarze Meer setzte, in Plünderungszügen Kleinasien und Griechenland heimsuchte und schließlich mit Mühe besiegt wurde. Die Burgunder wiederum brachen die Südostwanderung ab und traten im 4. Jahrhundert in Süddeutschland auf.
 
Die Bewegung selbst erklärt sich aus einer zwangsläufig halbnomadischen Lebensform, die nicht auf dauernde Sesshaftigkeit aus war: Die Landnahme vollzog sich jeweils als Expansion in benachbarte Gebiete oder als Wanderzug in weiter entfernte Gegenden, und zwar unter ständiger Absplitterung und Neubildung von Wandergruppen sowie Übertritt selbst in andere Ethnien. Was unter den einzelnen Stammesnamen begegnet, geht demnach nicht mehr auf eine ursprüngliche biologische Verwandtschaft ihrer Träger zurück, mag von Fall zu Fall auch ein Kernbestand vorhanden gewesen sein. Mit der Entstehung von meist nur kurz sich haltenden politischen Gruppierungen einher ging die Herausbildung von Aristokratien, die, auf einer Gefolgschaft beruhend, im Allgemeinen die Monarchien überdauerten. Von einzelnen solcher Heerkönige sind Namen überliefert. Sie verschwanden wieder, wirkliche Monarchien von Dauer entstanden im Allgemeinen erst mit beginnender Sesshaftigkeit. Herrscherlisten aus späterer Zeit, meist von einem göttlichen Ursprung ausgehend, sind Fiktion und damit wertlos.
 
Eine wirksame Kontrolle der Bewegung durch Rom war nur schwer möglich. Überdruck in diesen Stämmen als Folge einer an sich nur schwer erklärbaren Bevölkerungszunahme führte zu Kollisionen untereinander und mit den bereits etablierten Völkerschaften nunmehr auch im Weichbild des Imperiums, mit Markomannen und Quaden, elbgermanischen Stämmen, die bereits um Christi Geburt nach Böhmen und in benachbarte Gebiete gewandert waren, oder den Sarmaten, einer indoiranischen Gruppe, die kurz danach durch Rom in der Ungarischen Tiefebene angesiedelt wurde. Die Zusammenstöße entluden sich im 2. Jahrhundert durch Einfälle auf Imperiumsgebiet. So diente die Zerstörung des Dakerreichs unter König Decebalus im heutigen Siebenbürgen wie die Einrichtung der Provinz Dacia der Vorfeldsicherung unter Trajan (110), und etwa Domitians Vorverlegung des Limes über den Taunus wie in Süddeutschland durch Antoninus Pius erklären sich aus der gleichen Absicht.
 
Einfälle großer Menschenmassen
 
Dann aber brach unter Mark Aurel im Jahr 165, beginnend mit einem Vorstoß von Langobarden durch elbgermanisches Gebiet an die mittlere Donau, eine Invasionsbewegung los, an der sich zusammen mit Nachbarstämmen die ostgermanischen Stämme beteiligten; sie verwüsteten in rund 20 Jahren erbitterter Kämpfe die Provinzen an der Donau von Rätien bis zum Schwarzen Meer weitgehend. Die Kaiser der severischen Dynastie (193—235) bemühten sich zwar um Wiederaufbau und verstärkte Grenzsicherung, aber unter Caracalla setzten sich auch die Elbgermanen in Bewegung, und der Kaiser musste den Vorstoß eines ihrer Stämme, der Alamannen, im nördlichen Franken abwehren. 235 starb Severus Alexander bei Vorbereitung eines neuen Feldzuges gegen sie. 232 setzte sich eine neue Welle in Bewegung, jetzt vom Rhein bis ans Asowsche Meer, und sie hielt diesmal ein Menschenalter an. Jahr für Jahr kam es zu Einfällen großer Menschenmassen, die längs der ganzen Donau das römische Gebiet zur Wüste machten und römische Armeen aufrieben, ja zur See selbst nach Kleinasien vordrangen und Griechenland heimsuchten. Die römischen Kräfte erschöpften sich schnell. Einzelne Kaiser fielen, Friedensschlüsse mit den Angreifern waren schon angesichts mangelnder Stabilität ihrer Gruppierungen unmöglich. Einfälle auch an der mittleren Donau komplizierten die Lage, weiter im Westen gelang es den Alamannen nunmehr, mühelos den Limes zu überschreiten und das Dekumatland östlich des oberen Rheins in Besitz zu nehmen (etwa 250). Rätien nördlich der Donau ging verloren und wurde Besitz von Juthungen oder Burgundern, südlich davon begann die Ansiedlung verschiedener, offenkundig auch ostgermanischer Gruppen zwischen einheimischer, romanisierter Bevölkerung und römischen Befestigungen. Im Westen gingen entsprechende Bewegungen kleinräumiger und deshalb langsamer vor sich. Doch begann nach dem Zusammenschluss der Stämme zwischen Elbe und Rhein (Chatten, Sugambrer, Chamaven, Chauken) unter dem Namen der Franken — erstmals erwähnt im 3. Jahrhundert — eine Landnahme am unteren Rhein offensichtlich als Einsickerung: Franken an der Küste zusammen mit den Sachsen an der friesischen Küste entwickelten vorübergehend ein Seeräubertum, das Einzelne bis an die spanische Küste führte.
 
Es war in erster Linie die physische Erschöpfung, die nach schweren Einbußen beiderseits und allgemeiner Schwäche diese Bewegung zum Stillstand kommen ließ. Die Kaiser hatten ihre Zeit fast ausschließlich an der Front zu verbringen, Usurpationen, fast immer aus militärischen Gründen, ergaben einen Verlust an politischer Ordnung und an Senatsautorität, die Hauptstadt Rom verlor ihre Bedeutung als Residenz an Mailand (286) und Ravenna (402). Zugleich machte der fortwährende Krieg weite Landstriche zur Wüste, zerstörte die Existenzgrundlagen der Bevölkerung dort und belastete auch die nicht direkt betroffenen Gebiete. Die Umstrukturierung der Armee mittels der Teilung in ein mobiles Eingreif- und ein ortsgebundenes Grenzheer durch Kaiser Gallienus um 260 war die Anpassung an dringend gewordene Notwendigkeiten.
 
Bei all dem blieben die Ziele der Germanen die gleichen. Das Imperium war außerstande, ihren Wunsch nach Aufnahme zu erfüllen. So zwang die Not zu Gewaltaktionen, verstärkt durch den Druck der Nachrückenden. Plünderungszüge gingen mit Landnahmeverlusten Hand in Hand, sodass es nicht nur die Krieger waren, die im Verlauf der Kämpfe umkamen oder in die Sklaverei gerieten. Das Imperium konnte in seinen Abwehrmaßnahmen auf lange Traditionen zurückgreifen. Zwar bewegte sich im Osten die erwähnte Drift von der Ostsee zum Schwarzen Meer an der Peripherie des römischen Interessengebietes, um mit ihr fertig zu werden war es aber nötig, politisch Stabilität zu schaffen und auch bei den Stämmen in Bewegung Institutionen zu fördern, mit denen als Partner sich Übereinkommen erzielen ließen, die Dauer versprachen. Am ehesten boten sich für eine solche Rolle monarchische Führungselemente an; einige Namen solcher Führer sind überliefert. Römische Münzen aus diesem Zeitraum im Barbarengebiet lassen sich von hier aus verstehen, sie taten zugleich das Ihre, die äußerste Not zu lindern.
 
Die Aufnahme der Zuwanderer
 
Neben solchen Versuchen einer Fixierung der politischen Ordnung außerhalb der Grenzen stand zugleich die Aufnahme von einzelnen Zuwanderern oder von ganzen Gruppen, so wie dies in der Kaiserzeit, wenn nötig, stets praktiziert worden war und immer wieder zur Auffüllung leerer oder allzu dünn besiedelter Gebiete geführt hatte. Dabei war die vorläufige Rechtlosigkeit der Zugewanderten (dediticii) als Krieger, Kolonen oder Arbeitskräfte anderer Art unwichtig, denn neben ihr stand immer die Möglichkeit von sozialer Mobilität und auch der baldigen vollständigen Integration. Mark Aurel verzichtete zwar auf die Errichtung neuer Provinzen an der markomannischen und sarmatischen Grenze, doch nahm er ganze Stämme mitsamt ihren Herrschern ins Reich auf und verpflanzte sie in entlegene Gegenden, wo sie bald ihre Eigenständigkeit verloren. Mehr noch galt dies für die Armee, in die Barbaren unter entsprechenden Bedingungen oder als Verbündete (foederati) aufgenommen wurden; sie begannen mit ihren Familien in Militärkolonien als Laeten oder Gentilen den Prozess einer Integration in die Reichsbevölkerung. Seit dem 3. Jahrhundert bestand die römische Armee im Wesentlichen aus solchen Fremdstämmigen, die entweder in die bestehenden Truppenteile eingegliedert oder in geschlossenen eigenen Verbänden (numeri) Dienst taten und als für dauernd Aufgenommene ihr Ziel erreicht hatten. Die römische Militärstruktur und auch die Kampfestaktik passten sich dieser Änderung an, und seit dem 3. Jahrhundert bestand für solche Barbaren auch die Möglichkeit, in die höchsten Ränge der Armee aufzurücken.
 
Freilich, auf die Dauer war eine solche Integration Zugewanderter nur möglich, solange im Reich Bevölkerungssubstrate, aufnehmende Bevölkerungsteile, vorhanden waren, die eine solche ermöglichten. Wo, wie in den betroffenen Randgebieten, diese fehlten, zu schwach geworden oder, wie in Nordgallien, gar nicht vorhanden waren, behielten diese Fremden zwangsläufig ihre eigene Zivilisation und ihre Lebensformen bei, ja entwickelten ein eigenes Selbstbewusstsein auch gegenüber den Restbeständen früherer Bevölkerung, die ihrerseits nun in einen Sog der Barbarisierung gerieten. Römisches und romanisiertes Gebiet ging auf diese Weise noch vor der endgültigen Besetzung durch die Barbaren verloren.
 
So hat sich gegen Ende des 3. Jahrhunderts das Bild des Imperiums geändert. Wohl blieb dessen Zusammenhalt scheinbar gewahrt, ja, stabilisierte sich nach einer gewissen Beruhigung wieder. Doch war die aufrechterhaltene Imperiumsherrschaft so wenig Vertrauen erweckend wie vertragliche Regelungen mit einzelnen Stämmen oder deren Herrschern. Nach der Räumung Dakiens unter Aurelian um 280 blieb die Donau die mühsam aufrechterhaltene Grenze. Noch einmal gefestigt erscheint dieser Zustand unter Diokletian, dessen tetrarchaische Reichsteilung (»Viererherrschaft« durch zwei Augusti und zwei Caesares) im Besonderen auch der regional wirksamen Bewältigung gerade derartiger Probleme dienen sollte, was in der Tat nicht ohne Erfolg blieb. Die römischen Münzen mit ihren hoffnungsvollen Legenden mögen diesen Zustand spiegeln.
 
Diokletian war vorübergehend die Festigung des Imperiums und eine Neustrukturierung gelungen, die bei äußerer Stabilität wohl Dauer versprach. Die weitere Entwicklung wie besonders die neue Phase der Völkerwanderung nicht lange danach freilich verhinderte, dass dieser Komplex von Maßnahmen und Neuordnung auf Dauer Bestand hatte. Konstantin schließlich als der alleinige Erbe der Tetrarchie (seit 324) vollendete das Reformwerk Diokletians, und auch seine Hinwendung zum Christentum wird von hier aus mit als eine weitere Möglichkeit der inneren Festigung zu sehen sein. Geändert für die Bevölkerung freilich hat sich wenig, und während auf der einen Seite bald danach selbst Kirchenväter davon sprachen, dass weite Teile die barbarische Invasion als eine Befreiung von dem Druck ansahen, den die Forderungen des Staates bewirkten, trugen auf der anderen Seite die innerkirchlichen, dogmatischen Gegensätze das Ihre zum Zerfall des Reiches bei.
 
Nach außen freilich war die Stabilisierung deutlich. Größere Bewegungen in dieser Zeit sind nicht bekannt, und meist gelang es, durch ein kurzes Eingreifen die Ordnung im Vorfeld wieder herzustellen. 334 verteilte Konstantin noch einmal eine besonders große Zahl von aufgenommenen Sarmaten im ganzen Reichsgebiet. Besonders jenseits der stets gefährdeten Donau gelang es, zwei gotische Reiche zu stabilisieren, von denen das ostgotische in der westlichen Ukraine, monarchisch geleitet, seinen Herrschaftsbereich offensichtlich weit über die Stämme Osteuropas ausdehnte und nicht mehr nur germanische Untertanen zusammenfasste. Das westgotische unmittelbar an der Donau als ein fester Bund von Kleinkönigtümern unter einem iudex als dessen Vertreter nach außen und oberstem Befehlshaber des Heeres war nach einem Vertrag 332 mit Rom besonders eng verbunden und überdies zu ständiger militärischer Hilfeleistung verpflichtet. Trotz gelegentlichen Widerstandes vonseiten der Führung, die 348 den Bischof Wulfila (Ulfilas) zur Auswanderung zwang, begann dort die christliche Mission vorwiegend im Sinne der arianischen Glaubensrichtung. Wulfila unternahm in dieser Zeit seine Bibelübersetzung in die Sprache des Volkes.
 
 Der große Sturm
 
Die Abschnitte der germanischen Invasion wechselten mit solchen der Ruhe und Erholung für das Imperium. So gelang es von 181 bis 232, das unter Mark Aurel Zerstörte wieder aufzubauen; die Zeit zwischen Diokletian und dem Auftreten der Hunnen war etwa doppelt so lang. Konstantins Nachfolger konnten das Wiedergewonnene halten. Constantius II. kämpfte 357 bis 359 gegen die Sarmaten an der unteren Donau. Währenddessen gelang es seinem von ihm als Caesar in Gallien eingesetzten Vetter Julian, die Grenze am oberen und mittleren Rhein gegen alamannische Landnahmeversuche und fränkische Invasionen zu sichern, wobei er das bereits verlorene Köln wiedergewann. Nach dem Ende der konstantinischen Dynastie 363 vermochte Valentinian I. (364—375) an der gleichen Stelle die Grenzen zu halten, musste aber bereits im Hinterland eine neue Ansammlung gefährlicher Kräfte registrieren, die weder durch Vorstöße über den Rhein noch durch ein an der ganzen Grenze errichtetes Verteidigungssystem mit einer Vielzahl von Kastellbauten in Schranken zu halten waren. Ähnliches war der Grund für sein rigoroses Vorgehen gegen die Quaden an der Donau; während der Einleitung entsprechender Maßnahmen starb er 375 unerwartet.
 
Die Hunnen lösen Panik aus
 
Danach aber kam es schlagartig zur Katastrophe, die das Imperium unvorbereitet traf. Das nomadische Turkvolk der Hunnen, in der Wüste Gobi beheimatet, hatte in einem Jahrhunderte währenden Wanderzug nach Westen seine Lebensformen den jeweils vorgefundenen Bedingungen angepasst und sich auch mit anderen, mongolischen oder indoiranischen Elementen verbunden. Der Name, seit dem 2. Jahrhundert bekannt, umschreibt keine in sich fest geschlossene Ethnie. Eine dauerhafte, zentrale Führung der stets weit voneinander lebenden einzelnen Stämme oder Gruppen ist nur im Falle größerer Unternehmungen nachweisbar, für eine Verwandtschaft zu anderen, nördlich und nordöstlich des Römischen und des Persischen Reiches lebenden, eher sesshaften Stämmen wie den Hephthaliten (»Weiße Hunnen«) spricht außer der Bezeichnung wenig. Die Kampf- und Lebensweise der Hunnen war die von Reiternomaden, wobei vieles von anderen Völkern übernommen scheint, so Bogen und Lasso als Waffe von indoiranischen Stämmen. Ähnliches gilt für Gebrauchsgegenstände oder künstlerische Ausdrucksformen wie den Tierstil, eine Anleihe von sibirischen Völkern. In der Religion der Hunnen spielte der Schamanismus eine wichtige Rolle.
 
Die antiken Autoren betonen die Grausamkeit und tierische Lebensweise des Volkes. Es mag dies der Eindruck sein, den es auf die Zeitgenossen machte. Die Hunnen hatten auf der Suche nach immer neuen Weidemöglichkeiten die indoiranischen Alanen zwischen Kaukasus und Donau unterworfen, eine Völkerschaft von ähnlichen Lebensformen, und brachen danach, wohl zu Beginn der Siebzigerjahre des 4. Jahrhunderts, in das Reich der Ostgoten (die damals noch Greutungen oder Ostrogothen hießen) am Schwarzen Meer ein, das sie im ersten Ansturm zerstörten; der gotische König Ermanarich kam dabei ums Leben. Ein Widerstandsversuch der Westgoten (damals Terwingen) unter dem iudex Athanarich scheiterte ebenfalls. Die Folge war, dass die Masse des Volkes panikartig um Schutz und Aufnahme im Imperium nachsuchte und die Donau überquerte, dies zusammen mit Resten der Ostgoten und selbst Hunnen, die sich ihnen anschlossen. Athanarich mit seinen Anhängern suchte sich eine Zeit lang im westlichen Karpatengebiet zu halten. Für Valens, den Kaiser der östlichen Imperiumshälfte und Bruder Valentinians, war dieser Zustrom angesichts bevorstehender Kriege im Osten nicht unwillkommen. Doch bewirkte das üble Verhalten regionaler Befehlshaber gegen die Ankömmlinge, dass diese sich als betrogen ansahen, und, an sich integrationsbereit, unter dem Heerkönig Fritigern schließlich zusammen mit ihren Verbündeten 378 das kaiserliche Heer bei Adrianopel vernichteten. Unter den Toten war auch Valens selbst. Dem Nachfolger des Valens, Theodosius I., gelang es zwar 382 durch einen Vertrag, die wieder aufgesplitterten, beim Umherziehen bis nach Griechenland dezimierten Goten in Thrakien und wohl in der heutigen Dobrudscha anzusiedeln. Es waren dies aber kaum Verbündete (Föderaten, foederati), sondern eher rechtlose Neuankömmlinge (dediticii). Gleiches unternahm Gratian, der Sohn Valentinians und Kaiser des Westens, in Pannonien mit ostgotischen, hunnischen und alanischen Resten. Zu einer Integration freilich kam es kaum mehr, und nicht lange danach wurden die neuen Untertanen an andere Stellen versetzt, während zugleich immer wieder kleinere Gruppen versuchten, über die Donaugrenze in das Imperium zu gelangen. Aus den Aufgenommenen bildete Theodosius militärische Verbände, die er zum Teil nach Kleinasien und selbst nach Ägypten abkommandierte.
 
All dies lässt sich als eine Maßnahme ganz im traditionellen Sinne verstehen. Doch 395, nach Teilnahme der neuen Untertanen am Krieg gegen den Usurpator Eugenius in Italien, erhoben sich die im Jahr 382 angesiedelten Westgoten erneut, verließen ihre Wohngebiete und wählten sich in Alarich einen König. Erstmals entstand so ein germanischer Reichsverband auf römischem Boden, und dies mit eigenen Interessen, neuen, bis dahin nicht vorstellbaren Absichten und zugleich auch den Möglichkeiten, diese gegenüber dem Kaiser durchzusetzen. Die Gründe dafür sind unbekannt. Einen Ausschlag mögen die schlechten Bedingungen in dem ausgeplünderten Land gegeben haben und die Unmöglichkeit, sich zu ernähren, dazu nach wie vor die Furcht vor den nicht allzuweit entfernten Hunnen. Zweifellos bestand auch dieses neue Volk nicht nur aus Westgoten, sondern einer Vielfalt von Elementen und Gruppen aus anderen Stämmen, die alle nun in ihm aufgingen. Mit dieser Reichsgründung begann ein neuer Abschnitt der Völkerwanderung.
 
Die erste Teilung in Ost und West
 
Nach dem Tode des Theodosius 395 war das Imperium unter dessen beide Söhne aufgeteilt worden: Arcadius (griechisch Arkadios) erhielt den Osten, Honorius den Westen; die beiden, 18 und 11 Jahre alt, waren schon altersmäßig zu einer wirklichen Führung der Staatsgeschäfte nicht in der Lage. So konnte Alarich die Rivalität der leitenden Staatsmänner, des obersten Heermeisters (magister militum) und patricius Stilicho im Westen — germanischer (wandalischer) Herkunft, doch als Schwiegervater des Honorius von Theodosius als dessen Vormund eingesetzt —, und des Prätorianerpräfekten im Osten, Rufinus, für sich ausnutzen. Nach der Ermordung des Letzteren noch im gleichen Jahr blieb Alarich auf der östlichen Seite, als magister militum für die Präfektur Illyricum dort anerkannt, kam aber in seinem Bemühen um bessere Ansiedlungsmöglichkeiten nicht zur Ruhe. Im Verlauf einer gescheiterten Invasion gegen das Westreich 402 indes gelang es Stilicho, ihn auf seine Seite zu ziehen. Nach der Ermordung Stilichos und dem Sieg einer vorübergehend antigermanischen Richtung in Ravenna (408) zogen die Goten nach Italien, wo sie nach vergeblichem Verhandeln mit dem Hof 410 Rom belagerten und einnahmen. Neben großer Beute fiel Alarich die Schwester des Honorius, Galla Placidia, in die Hände; sie teilte von nun an als Gefangene das Schicksal des westgotischen Volkes.
 
Hatte zuvor, um 400, bereits ein Aufstand ostgotischer Föderaten in Kleinasien unter Führung von Tribigild und Gainas zur vorübergehenden Besetzung von Konstantinopel geführt, so erweckte die nach Niederschlagung des Aufstandes dort deutliche antigermanische Stimmung jetzt eine verspätete Solidarität mit dem Westen. Oströmische Hilfstruppen bestärkten Honorius, die Verhandlungen mit Alarich scheiterten. Alarich ernannte deshalb den Senator Attalus zum Gegenkaiser, der bis 416 eine gewisse Rolle spielte. Eine Lösung der Ansiedlungsfrage freilich ergab sich damit nicht. Ein Versuch Alarichs, die Provinz Africa zu gewinnen, schlug fehl. Bereits Ende 410 starb er in Kalabrien. Kurz danach freilich kam es zwischen seinem Nachfolger Athaulf und dem Hof in Ravenna doch noch zu einer Übereinkunft, wonach die Goten in Gallien den Usurpator Jovinus (411—413) niederzukämpfen hatten, um dort neue Ansiedlungsmöglichkeiten zu finden. Wichtiger indes war, dass Athaulf 413 in Bordeaux die Ehe mit Galla Placidia schloss: Ein erster Schritt zu politischer Anerkennung und Etablierung eines germanischen Königs war damit getan, der Schule machen sollte.
 
Der lange Marsch der Wandalen
 
Im Osten war die hunnische Invasion nach der Zerstörung der beiden Gotenreiche zum Stehen gekommen. Die vorübergehend miteinander verbundenen hunnischen Stämme hatten sich offensichtlich wieder getrennt, von weiterer Koordination ist nichts bekannt, und bezeichnenderweise operierten einzelne hunnische Gruppen von da an in unbekannter Stärke selbst aufseiten der Germanen und nahmen, wie schon erwähnt, auch an der Schlacht von Adrianopel teil. Doch beim Nachrücken weiterer Gruppen bildete sich anscheinend ein hunnisches Zentrum heraus. Um die Jahrhundertwende ist ein erster Herrscher bekannt, Uldin, der die Verbindung mit Byzanz (Konstantinopel) aufnahm und wenige Jahre danach als Bundesgenosse der westlichen Kaiser gegen germanische Gruppen kämpfte. All dies und ein Neuaufleben der Furcht von 376 muss bewirkt haben, dass um diese Zeit neue, in sich heterogene Barbarengruppen aus dem illyrischen Raum und jenseits der Donau in das Imperium aufbrachen: 405 die des Radagais, der Überlieferung nach mit mehreren hunderttausend Mann, die Stilicho mit Uldins Hilfe vernichtete; 406 vielleicht Sarus, ein Gote mit Anhängern; 409 dann Athaulf, der Schwager Alarichs, aus Pannonien.
 
Am schwersten aber wog der Aufbruch einer offenkundig ungeordneten Völkerwelle um diese Zeit, bestehend aus Wandalen, das heißt Silingen aus Schlesien und Hasdingen (auch Asdingen) aus der südlichen Slowakei, verbunden mit anderen Gruppen, darunter Quaden und Alanen; sie bewegte sich donauaufwärts über den Rhein nach Gallien und teilte sich dann. Gallien und die Iberische Halbinsel waren um diese Zeit in der Hand von Usurpatoren, die kaum Widerstand zu leisten vermochten. Das Land, auch die Hauptstadt Trier, wurden geplündert. Doch diese Gruppen blieben nicht in Gallien, sondern gelangten nach Kämpfen, besonders mit den Franken, zusammen mit den Sweben und Teilen der Alanen nach Spanien, wo es zu einer Teilung des Landes kam (wohl 409); die Hasdingen beanspruchten die Provinz Baetica im Süden, die Silingen das Gebiet des späteren Kastilien im Norden für sich. Eine Legalisierung durch den Kaiser freilich blieb aus. In den Kämpfen mit den Westgoten ab 416 wurden die Silingen und die Alanen aufgerieben.
 
Doch 428 gelang dem immerhin noch starken Rest zusammen mit den Alanen unter Führung Geiserichs — rex Vandalorum et Alanorum —, auf eine Einladung des Comes (Oberbefehlshabers) Bonifatius hin, nach Afrika überzusetzen und in langem, zweifellos beschwerlichem Marsch nach Osten vorzudringen. Mit einer Landnahme solcher Art von etwa 80000 Menschen hatte Bonifatius nicht gerechnet, sondern nur eine demonstrative Drohung gegenüber Ravenna und seinem Widersacher am Hofe beabsichtigt. Nunmehr Gegner der Wandalen, leistete er Widerstand, und ein oströmischer Heeresverband kam ihm über See zu Hilfe. Nach einer Belagerung von Hippo Regius (heute Annaba) handelte Geiserich 435 einen Frieden mit Rom aus und erhielt als Bundesgenosse den Besitz Nordafrikas zugestanden, außer Karthago. Doch dieses eroberte er 439 im Handstreich. Hatten die Wandalen 425 bereits die Balearen geplündert und danach mühelos die Überquerung der Straße von Gibraltar bewerkstelligt, so steigerten sich von jetzt ab ihr taktisches Können und ihre Fähigkeiten in der Seekriegsführung zur wirklichen, permanenten Bedrohung; ihrer Plünderung von Küsten und ihren Überfällen hatte Rom nichts entgegenzusetzen. Ein byzantinisches Landungskorps musste 442 nach kurzem Aufenthalt in Sizilien und in Afrika angesichts drohender Hunnengefahr abgezogen werden. So kam es 442 zum Frieden mit Rom. Geiserich behielt Karthago, die Provinz Africa und den größten Teil Numidiens, die westlichen Teile Afrikas übernahm Rom. Eine Präsenz römischer Staatlichkeit scheint es dort aber nicht mehr gegeben zu haben. Von den anderen Teilnehmern am Zug von 406 sind die Sweben in Galicien geblieben, wo ihr Reich nach langen Auseinandersetzungen mit den Westgoten bis gegen Ende des 6. Jahrhunderts bestehen blieb; der Großteil der Alanen wurde unter eigenen Königen in Gallien an der Loire angesiedelt.
 
Geiserich hatte bereits unmittelbar nach der Landnahme in Afrika begonnen, sein Reich auszubauen und zu einer absoluten Monarchie zu gestalten. Ursprünglich zu einem Zusammengehen mit den Westgoten bereit — sein Sohn Hunerich wurde mit einer Tochter König Theoderichs I. verlobt —, benutzte er eine Verschwörung des Adels 442, diesen zu entmachten und eine absolute Herrschaft zu errichten. Die Westgotin, der Teilnahme daran beschuldigt, wurde verstümmelt nach Hause geschickt. Den Bruch, der damit entstand, kompensierte Geiserich durch die Verlobung Hunerichs nunmehr mit der kaum fünfjährigen Tochter Valentinians III., Eudocia, und vollzog damit, konsequenter als Athaulf, die Verbindung seines Reiches mit Rom. Seine weiteren Ziele sind unklar. Aber nahe liegt, dass es ihm durch diese Verbindung um eine Festigung seiner Position im Mittelmeer ging und um die Etablierung seines Reiches gleichsam als einer dritten Kraft neben Byzanz und Rom im Mittelmeer. Die Seemacht, die er aufbaute, war bei all dem zweifellos ein wesentlicher Faktor, und als Druckmittel hat Geiserich sie immer wieder eingesetzt. Zwar hörten nach 442 die kriegerischen Aktionen vorerst auf, und auch die Belieferung Italiens mit afrikanischem Getreide machte keine Schwierigkeiten.
 
Doch nach der Ermordung Kaiser Valentinians III. 455 waren die Wandalen zur Stelle, besetzten Rom und verbrachten die kaiserliche Familie nach Afrika, wo es zu der geplanten Eheschließung kam. Die Plünderung der Hauptstadt bei dieser zweiten germanischen Eroberung, aus der Spätere das Schlagwort »Vandalismus« konstruierten, scheint sich in Grenzen gehalten zu haben. In Afrika selbst baute Geiserich seine Herrschaft aus. Das Land, vor allem die beiden Provinzen Africa und Byzacena, wurde teilweise zur Ansiedlung der Wandalen als Grundbesitzer, teilweise zur Stärkung der königlichen Macht als Domäne verwendet, die ursprünglichen Eigentümer und Pächter konnten in abhängiger Stellung verbleiben. Ein Teil von ihnen aber wurde vertrieben oder verließ freiwillig das Land.
 
Rigoros verfuhr Geiserich auch in seiner Religionspolitik. Da er Christ arianischer Konfession war, bedeutete seine Herrschaft eine Katholikenverfolgung mit Schließung katholischer Kirchen und Vertreibung bzw. Verbannung von Bischöfen und einem Druck auf die Bevölkerung, der in einem Lande von besonderer religiöser Intensität nicht ohne Folgen bleiben konnte. Unter Hunerich (477—484) setzte sich dies fort, bis in den Neunzigerjahren wieder Toleranz verkündet wurde. Im Übrigen wurden Römer in der Reichsverwaltung eingesetzt, und von weiteren schwerwiegenden Repressalien gegen die römischen Einwohner ist nichts bekannt, während Außenpositionen in Sizilien, Sardinien und selbst Korsika zweifellos auch Handelsbeziehungen förderten. Doch konnte das Wandalenreich Geiserichs für andere germanische Reichsbildungen kaum ein Modell sein. Eher erklärt sich die Politik des Königs aus der Erkenntnis der eigenen Isoliertheit in einer fremden Welt unter ungewohnten Lebensbedingungen, ohne die Aussicht auf weiteren germanischen Zustrom und daher auch aus dem bewussten Verzicht auf ethnische Integration. In der Tat blieben diese Wandalen ein Fremdkörper, was später das Ende ihres Reiches zweifellos beschleunigt hat.
 
 Die germanischen Stämme
 
Was sich demnach am Anfang des 5. Jahrhunderts abzeichnete, war eine allgemeine Verlagerung der Ostgermanen nach Westen, wobei sich die leer gewordenen Räume schnell durch neue Zuwanderung füllten. Neue Namen traten in den Vordergrund, aber nach wie vor konnte von einer ethnischen Geschlossenheit keine Rede sein. Anderseits bedeuteten Wanderung und Abzug niemals eine vollständige Räumung der bisherigen Wohnsitze. So blieben Reste der ursprünglichen Stämme in den Heimatgebieten zurück, in Skandinavien wie in Nord- und Nordostdeutschland: Geiserich hatte Verbindung mit Stammesgenossen in Schlesien, noch im 6. Jahrhundert kehrten Teile der Heruler aus der Slowakei nach Skandinavien zurück, und auf der Krim hielten sich Teile der Ostgoten mit eigener Sprache und Lebensformen bis in das 15. Jahrhundert. Zurückbleibende Sweben spielten später bei der Genese des baierischen Stammes eine Rolle. Im östlichen Europa traten nun verstärkt die Langobarden auf, die eine Wanderbewegung von der Elbmündung zum Donauknie beendeten; in ihrer Nähe saßen die Gepiden, dazu Rugier, Skiren und Heruler. Zugleich aber begannen die Slawen mit ihrer umfassenden Einsickerungsbewegung, die sie in wenigen Jahrzehnten in die Räume um die westliche Ostsee, nach Böhmen und an die untere Donau führte.
 
 
Im Westen wiederum setzten die Alamannen ihre Expansion nunmehr in das nördliche Gallien fort, während große Teile der ihnen räumlich nahen Burgunder nach der Landnahme westlich des Rheins ein Reich mit dem Zentrum Worms gründeten (413). Im nördlichen Gallien wiederum scheint es in den ersten Jahrzehnten des 5. Jahrhunderts zu einer Verbindung von Rheinfranken und Saliern gekommen zu sein, auch für Letztere wurden nun erstmals Herrschernamen bekannt (um 440 Chlodio aus dem wohl fiktiven Geschlecht der Merowinger). Um die Mitte des Jahrhunderts war das Gebiet von der Nordsee bis nach Flandern Territorium fränkischer Teilkönigtümer. In Gallien gelang nach der Vernichtung des letzten Usurpators, Jovinus (411—413), nochmals die Stabilisierung römischer Oberhoheit. Ein Vertrag mit den Westgoten in Südwestgallien 416 brachte diese nach Spanien, wo sie erfolgreich die Wandalen bekämpften. Galla Placidia kehrte nach Verlust von Kind und Gatten nach Ravenna zurück. Ihr zweiter Gatte, Constantius(III.), vorerst oberster Heermeister, 421 Mitkaiser des Honorius, konnte in Südgallien die Lage bereinigen. 418 kam es zur endgültigen Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien, wo nach Regelung der Bedingungen ein eigenes Reich unter einer neuen Dynastie entstand: das Tolosanische Reich, benannt nach der Hauptstadt Tolosa, dem heutigen Toulouse. Theoderich I. (418—451), vielleicht Schwiegersohn Alarichs, versuchte in den folgenden Jahren mehrfach die Expansion nach Osten wie ans Mittelmeer, konnte aber aufgehalten werden.
 
Der Tod Constantius'III. noch im Jahr seiner Erhebung und der des Honorius 424 führte zur Usurpation des Johannes, der jedoch durch oströmische Truppen 425 abgesetzt und getötet wurde. Die Regierung für den unmündigen Valentinian III. (* 419), Sohn des Constantius, führte bis zur Mündigkeit seine Mutter Galla Placidia. Nach Anfangsschwierigkeiten und Machtkämpfen am Hof gelang es dem magister militum und patricius Aetius, die römischen Interessen in Gallien durchzusetzen, dies vor allem mit Unterstützung durch hunnische Truppen. Die westgotische Expansion wurde aufgehalten, das Burgunderreich 436 vernichtet, doch der Rest der Burgunder 443 in Savoyen angesiedelt, wo er schnell wieder erstarkte und zum wichtigsten Faktor in Gallien wurde. Die römische Enklave zwischen Seine und Loire blieb erhalten, und erfolgreich konnte Rom auch in dynastische Auseinandersetzungen zwischen den Franken eingreifen. Erst mit der Ermordung des Aetius auf Betreiben Valentinians III. 454 und mit dessen Tötung 455 brach in Rom alles zusammen.
 
Hilferuf aus Britannien
 
In Britannien war durch den Abzug der römischen Truppen unter Stilicho wohl spätestens 407 ein Vakuum geschaffen worden, das die Schutzlosigkeit der einheimischen romanisierten Bevölkerung gegenüber den Einfällen keltischer Stämme des Nordens, der Pikten und Skoten, bedeutete. Schon im 4. Jahrhundert waren Germanen vom Festland als Söldner (für das römische Heer) oder Arbeitskräfte angeworben worden. Nun riefen die bedrängten Einwohner die Sachsen, Angeln und Jüten zu Hilfe, die an der Deutschen Bucht, in Friesland und wohl auch an der Kanalküste saßen. Die Sachsen hatten schon seit längerer Zeit als Seefahrer die Verbindung zwischen den nordeuropäischen Ländern aufrechterhalten, aber auch als Seeräuber die Küsten bedroht. Nun kamen sie als militärische Verbündete ins Land, später auch als Siedler. Zwar ist von einer wirklichen Landnahme vorerst kaum zu sprechen, doch scheint der Druck der Zuwanderer keltische Bevölkerungsteile nach Westen (Wales, vielleicht auch Irland) und in die Bretagne abgedrängt zu haben.
 
Die Reichshälften driften auseinander
 
All diesen Entwicklungen hatte das Imperium wenig entgegenzusetzen. Die Schwäche des Honorius verhinderte ein energisches Wahrnehmen der römischen Interessen; loyale, fähige Heerführer mit staatsmännischen Fähigkeiten oder entsprechenden Erfahrungen wie Stilicho oder Aetius scheiterten auf Dauer, und Constantius III. starb allzu früh. Die weitere Entwicklung des Imperiums aber war von den Ereignissen der Völkerwanderung entscheidend mitbestimmt. Zwar hatte sich bis zum Tode Theodosius' I. die Reichseinheit aufrechterhalten lassen, doch mit der Teilung unter seine Söhne 395 begann, trotz äußerlichen Zusammenhalts, gemeinsamer Gesetzgebung, gegenseitiger militärischer Unterstützung und (seit 437) neuer ehelicher Verbindung zwischen den Höfen ein Auseinanderdriften der Reichshälften, das immer deutlicher werden sollte. Hatte die Wanderung der germanischen Stämme das westliche Reich mehr und mehr geschwächt, sein Territorium verkleinert und zu einer Barbarisierung weiter Teile geführt, so war im Osten diese Bewegung schnell zu Ende gegangen; das Reich konsolidierte sich wieder, wobei Wirtschaft, Finanzen, Handel und alles Leben kaum eine Einbuße erlitten. Auch die religiöse bzw. kirchliche Entwicklung ging im Osten eigene Wege. Eine materielle Schwächung bedeuteten hier vorerst nur die Kämpfe gegen das Hunnenreich im Norden und die Auseinandersetzungen mit den Sassaniden im Osten. Ähnlich wie der Westen machte sich auch das Ostreich die militärischen Kräfte der Germanen zunutze; die militärische Führungsschicht bestand bald zum größten Teil aus Zugewanderten. Völlig abhängig von ihnen aber wurde Ostrom nicht. Im Westen hingegen waren es zunehmend Germanen oder germanisch Versippte, die als Heerführer und patricii die Politik bestimmten: Stilicho (ermordet 408), Aetius (ermordet 454), danach Ricimer (455—472) und Gundobad (später König der Burgunder).
 
Um die Mitte des Jahrhunderts scheinen sich die Bewegungen der ersten Jahrzehnte beruhigt zu haben. Zwar waren große Territorien im Westen verloren gegangen, das mittlere und südöstliche Gallien aber unter kaiserlicher Kontrolle geblieben, während die neuen germanischen Reiche gut daran taten, sich auch der vorhandenen romanisierten Volksteile zu bedienen und demnach auf allzu rigorose Formen der Unterwerfung zu verzichten. Die Ausnahme in Afrika wurde bereits erwähnt. Auch der Christianisierung in diesen Reichen wurden Schwierigkeiten, soweit erkennbar, nicht gemacht. Aus römischer Sicht mochten solche Verluste wenig zählen. Es ging dabei zwar um Provinzen, aber deren neue Herren waren ausnahmslos als Bundesgenossen des Imperiums anzusehen.
 
Bedeuteten somit die Abtretungen im Grunde lediglich eine Verschiebung innerhalb der Struktur des Imperiums, so ließ sich dieses sehr wohl als noch bestehend definieren. Dies ungeachtet dessen, dass ab 442 das Wandalenreich sich als souverän bezeichnete und später Eurich (466—484) für das Westgotenreich das Bündnisverhältnis zu Rom offiziell aufkündigte. Als ein Fortschritt musste die Ablösung des stets instabilen germanischen Heerkönigtums durch etablierte Dynastien gelten, die zur Sicherung ihrer Stellung in jedem Fall auf Beziehungen zu Rom bzw. Ravenna angewiesen waren. Freilich riefen sie in Verfolgung ihrer Arrondierungsabsichten auch immer wieder neue kriegerische Auseinandersetzungen hervor und erzwangen weitere territoriale Verluste. An einer ernsthaften Schädigung des Imperiums oder dessen Vernichtung indes konnten sie nicht interessiert sein, auch wenn sie sich gelegentlich zum Kampf gegen dieses verbanden.
 
 Der kurze Traum vom Reich im Norden — Hunnen, Germanen, Römer
 
Die Zäsur, die diese Jahrzehnte bedeuteten, ging in den Fünfzigerjahren des 5. Jahrhunderts zu Ende. Einiges an Ereignissen danach wurde bereits vorweggenommen. Wichtig für die weitere Entwicklung war das Hunnenreich im Nordosten, seine Geschichte und mehr noch sein Verfall. Die allmähliche Einigung der anfangs heterogenen Gruppen unter Uldin um die Wende zum 5. Jahrhundert und dessen Eingreifen in die Auseinandersetzungen des Ost- wie vor allem des Westreiches mit den Germanen schufen einen neuen Faktor der Imperiumspolitik. Plünderungszüge dieses Herrschers, erstmals 409 und später immer wieder, gegen Ostrom scheiterten an der Bestechlichkeit der Unterführer. Ein skirisches Hilfskontingent wurde vernichtet. In den folgenden Jahren scheinen sich die Hunnen weiter nach Westen bewegt und die für ihre Lebensweise geeignete Ungarische Tiefebene zu ihrem Zentrum gemacht zu haben. Bald danach bildete sich unter Ruga (auch Rua) und dessen Brüdern eine Dynastie heraus, die ihr Verhältnis zu den beiden Reichen differenziert gestaltete. Tributzahlungen an den Hunnenherrscher spielten eine wichtige Rolle in einem unverkennbaren Prozess der Angleichung und der Beschaffung von Zivilisationsgütern, während Plünderungszüge der Hunnen besonders gegen Ostrom diese ergänzten.
 
Doch bereits 424 verschaffte sich der weströmische Usurpator Johannes ein starkes hunnisches Hilfskontingent, das zwar erst nach seiner Beseitigung eintraf, jedoch auf eine nunmehr bereits etablierte zentrale Institution dieser Hunnen schließen lässt. 433 wiederum konnte Aetius, nach Beseitigung seiner Gegner am Hof und gegen Abtretung wohl von Teilen Pannoniens, sich erneut hunnische Truppen für den Kampf in Gallien verschaffen, die wohl mehrere Jahre in seinem Dienst blieben.
 
Nomaden sollen sesshaft werden — Attilas Kraftakt
 
Mit dem Tode Rugas 435 ging die Herrschaft auf dessen beide Neffen Attila und Bleda über, nach Ermordung des Letzteren 445 herrschte Attila allein. Neue Kriege gegen Byzanz (440—443; 447) führten zur Erhöhung der Tribute von 350 auf 700 und dann auf 2100 Pfund Gold jährlich. Zugleich kam es zu regem diplomatischem Verkehr sowie zu rigorosen Forderungen etwa nach Auslieferung hunnischer Überläufer und nach territorialen Regelungen. Eine schwerwiegende Einbuße können diese Zahlungen an die Hunnen nicht gewesen sein, da ein großer Teil des Geldes, wenn überhaupt gezahlt, in das Imperium zurückgeströmt sein muss. Aus diesem bezog Attila überdies den Großteil seiner Sekretäre und Ratgeber.
 
Wichtiger aber war, dass dieses Hunnenreich sich auch die germanischen Stämme eingliederte, auf die es in seinem Interessengebiet gestoßen war, und mit diesen zusammen ein Bündnisgefüge schuf, das Imperiumscharakter trug. Ostgoten, Gepiden, Skiren, Heruler, Sweben und Rugier blieben an den Plätzen, die sie bis zu diesem Zeitpunkt eingenommen hatten. Das Reich, dessen Zentrum jetzt im östlichen Ungarn lag, förderte die Bildung eigener germanischer, gegebenenfalls neuer Dynastien wie die der (ostgotischen) Amaler und bediente sich der durch sie gebotenen Hilfsmittel zum Unterhalt des hunnischen Bevölkerungsteils wie auch der militärischen Aufgebote in seinen Kriegen.
 
Der Grund für all dies wird in der Lage zu sehen sein, in der sich das Volk der Hunnen seit seinem Einfall nach Europa befand. Hatte seine bisherige Geschichte auf einer nomadischen Lebensweise und der Verfügbarkeit großer Räume beruht, so gab es jetzt diese Voraussetzungen nicht mehr. Der damit unvermeidliche Übergang zur Sesshaftigkeit aber war weder ein leichter noch ein spontaner Prozess. Der König hatte ihn wohl weitgehend zu erzwingen, doch ohne Geldmittel und die Unterstützung von außen durch verbündete Völker war dieses Ziel nicht zu erreichen. Dass Attila diese Umwandlung energisch begann, ist aus der zeitgenössischen Überlieferung zu folgern; archäologische Zeugnisse in Böhmen, Mähren wie im südlichen Pannonien lassen auf Einrichtung von Garnisonen oder Ansiedlung hunnischer Volksteile auch im Vorfeld schließen und können solche Vermutungen bestätigen. In der Tat, eine Alternative gab es für Attila kaum. Wie weit sich bei all dem der Charakter des Volkes durch Anpassung, Zwischenheirat und Akkulturierung ändern würde, war nicht abzusehen. Ging es aber zugleich um den Ausbau eines Imperiums im Norden mit einer Kontrolle über riesige Räume im Sinne einer Ordnung der oikumene, der zivilisierten Welt, so mochte dem Hunnenkönig die Unterstützung, die er von den etablierten Reichen verlangte, als gerechtfertigt erscheinen.
 
Der Zug der Hunnen gegen Westrom
 
Von hier aus aber wird es auch zu verstehen sein, dass Attila um 450 diesen eben begonnenen Prozess einer friedlichen Entwicklung abbrach und mit allen verfügbaren Kräften zum Zug gegen das westliche Imperium antrat, zu dem die Beziehungen bisher ausnehmend friedlich gewesen waren. Die Gründe sind unklar; die Aufkündigung der Tribute durch den oströmischen Kaiser Markian reicht für eine Erklärung so wenig aus wie die Aufforderung aus Gallien, in eine fränkische Dynastiestreitigkeit einzugreifen. Wichtiger war das Heiratsangebot, das Attila von Honoria, der Schwester Valentinians III., zuging und das unausgesprochen die Gewinnung eines Teiles des weströmischen Reiches als Heiratsgut bedeutete. Die Hoffnungen, die sich für Attila aus einer Ausweitung des Interessengebiets nach Gallien und damit für ein Imperium vom Kaukasus bis zum Atlantik auf diese Weise ergaben, waren zweifellos groß, und an seinen Forderungen gegenüber dem Kaiser hat er auch noch festgehalten, als die Braut eiligst anderweitig verheiratet wurde.
 
Für das westliche Imperium freilich bedeutete diese Invasion im Frühjahr 451 einen Schock, denn weder besaß man genügend Streitkräfte für eine Abwehr, noch konnte man sich der Bundesgenossen sicher sein, von denen überdies Attila die Westgoten ganz besonders umwarb. Die Stärke des hunnischen Heeres mit seinen germanischen Bundesgenossen ist unbekannt, überlieferte Zahlen sind sicher Übertreibung. Die notwendige Ausplünderung des Landes führte zweifellos zu Grausamkeiten, die, für das hunnische Auftreten charakteristisch, vom König zur Verbreitung von Terror einkalkuliert waren. Ostern 451 ging Metz verloren, kurz danach kam es zur Belagerung von Orleans. Trotz flehentlicher Bitte besonders des Bischofs der Stadt gelang es Aetius erst im letzten Augenblick, sich der westgotischen Hilfe zu versichern und Attila zum Rückzug zu zwingen. Kurz danach kam es auf den Katalaunischen Feldern in der Nähe von Châlons-sur-Marne zur Schlacht, in der neben Hunnen und Römern germanische Stämme einander gegenüberstanden, und, wie überliefert, in besonders hartnäckiger Verbitterung miteinander kämpften. Der westgotische König Theoderich I. fiel, doch auf der Gegenseite waren die Verluste derart, dass Attila zeitweilig an Selbstmord dachte; schließlich aber räumte er Gallien. Aetius sandte die verbündeten Kontingente schnell nach Hause. Dass er Attila entkommen ließ, wurde ihm bereits von den Zeitgenossen als Verrat ausgelegt und trug zweifellos zu seiner Beseitigung im Jahr 454 bei. Die Gründe für den neuen hunnischen Vorstoß bereits im nächsten Jahr, diesmal nach Italien, sind unbekannt, sie erklären sich nicht zuletzt als Versuch, sich für ausbleibende, nach wie vor notwendige Subventionen einen Ersatz zu schaffen. Der Angriff traf Rom unvorbereitet, sodass der Kaiser die Flucht nach Gallien erwog. Die Hunnen konnten so die oberitalienischen Städte ausplündern, ohne Widerstand zu finden. Aquileja wurde dem Erdboden gleichgemacht, seine Einwohner bildeten später den Kern für die Gründung Venedigs. Doch scheint Attilas Heer durch Seuchen derart dezimiert worden zu sein, dass es einer Gesandtschaft des römischen Senats, begleitet von Papst Leo I., offensichtlich ohne große Schwierigkeiten gelang, Attila zur Rückkehr zu bewegen. An seinen Forderungen freilich hielt er fest. Im nächsten Jahr, 453, indes verstarb er plötzlich. Trifft zu, dass dies während der Hochzeit mit einer jungen Gotin geschah, so wäre denkbar, dass er nun beabsichtigte, die Beziehungen zu den germanischen Bundesgenossen neu zu intensivieren.
 
Nach Attilas Tod
 
Eine Nachfolgeordnung gab es nicht.Attilas Söhne, unter sich zerstritten, waren außerstande, sein Imperium zusammenzuhalten. Als Folge davon machten sich die germanischen Untertanen selbstständig. Unter Führung des gepidischen Königs Ardarich kam es zu kriegerischen Aktionen, und nach einer Niederlage der mit den Ostgoten verbündeten Hunnen am Fluss Nedao (in Pannonien), wohl noch 453, zog sich der Großteil der Hunnen in den Osten zurück, wo sie mit verwandten Stämmen neue Koalitionen eingingen. Einige dieser Attilasöhne traten bald danach mit Ostrom in Verbindung, stießen aber auf keinerlei Interesse mehr.
 
Als integrierbar erwiesen sich die Hunnen, im Gegensatz zu anderen Völkern, auch in kleineren Gruppen nicht. Die Germanen aber begannen sich erneut in Bewegung zu setzen und, durch ihre Zugehörigkeit zum hunnischen Imperium innerlich gefestigt, nach neuen Plätzen zu suchen. Dabei freilich ging jeder seinen eigenen Weg, eine gemeinsame Richtung ist nicht zu erkennen. So besetzten nach einem Vertrag mit Ostrom die Ostgoten in drei Stammesgruppen unter Führung von Königen aus der Amalerdynastie Pannonien etwa um den Plattensee, wo sie sich gegen Koalitionen von Nachbarstämmen, insbesondere der östlich der Donau lebenden Sweben, behaupteten. Die Gepiden siedelten im heutigen Siebenbürgen, die Heruler, bisher in der Nähe des Asowschen Meeres, zogen in die Slowakei, in ihre Nähe die bisher wohl an der unteren Donau wohnenden Skiren, in die Gegend nördlich davon die Masse der Langobarden, die bisher ihre Sitze an der mittleren Oder bis hin zur Elbe behalten hatten. Nördlich der mittleren Donau dehnte sich das Reich der Rugier aus, westlich davon bis nach Mitteldeutschland das der Thüringer, die, ebenfalls Teilnehmer am Attilazug, nunmehr auch nach Böhmen ausgriffen. Für jedes dieser Reiche war eine dynastische Regierung kennzeichnend; daneben wird sich eine adlige Oberschicht herausgebildet haben, die unter entsprechenden Titeln (Dux, Comes) Verwaltungs- und Aufsichtsfunktionen wahrnahm. An der unteren Donau strömten erneut bisher unbekannte Völkerschaften in die leer gewordenen Räume ein, Slawen, Anten, Bulgaren, Letztere als Nachfolger der Hunnen und mit diesen ethnisch verwandt. Sie wurden, vorübergehend auch von Ostrom in Dienst genommen, für dieses bald zur Gefahr.
 
 Das Ende der Epoche
 
Es war nicht zuletzt der Versuch, die germanischen Wanderzüge zu bewältigen, der das Auseinanderklaffen der beiden Reichshälften förderte. Doch während das Oströmische (Byzantinische) Reich seinen Umfang behielt, verlor die westliche Hälfte immer mehr Territorien und war für das letzte Drittel des 5. Jahrhunderts im Wesentlichen auf Italien beschränkt. Die Dynastie des Theodosius ging dort mit der Ermordung Valentinians III. 455 zu Ende, die Plünderung Roms durch die Wandalen wurde zum Symbol eines Abschlusses.
 
Die weströmischen Kaiser nach 455 wie Avitus und Majorian (456—461) sowie spätere kurzlebige Herrscher verdienten den Titel kaum; die Leitung des Westreiches lag in den Händen der Heermeister und patricii germanischer Herkunft wie Ricimer und Gundobad. 467 versuchte Byzanz mit der Erhebung des oströmischen Heermeisters (und Schwiegersohns Kaiser Markians) Anthemius zum westlichen Kaiser noch einmal eine Koordination der Interessen. Der Herrschaftsantritt war verbunden mit einer groß angelegten Aktion gegen das Wandalenreich. Dieses suchte in einem dauernden Seekrieg die ost- und weströmischen Küsten heim, wobei verbündete afrikanische Stämme einen großen Teil seiner Truppen ausmachten. Ähnlich wie bereits 460 unter Majorian scheiterte auch jetzt (468) das Flottenunternehmen gegen die Eindringlinge; Auseinandersetzungen zwischen Anthemius und Ricimer führten zum Bürgerkrieg, der 472 mit dem Tod beider endete. Die Herrschaft des (mit Hunerich verschwägerten) Olybrius als weströmischer Kaiser dauerte kaum mehr als ein halbes Jahr. 476 schließlich setzte der germanische Söldnerführer Odoaker, der Herkunft nach ein Skire, den letzten dieser Kaiser, Romulus Augustulus, ab und errichtete eine Militärherrschaft in Italien. Es gelang ihm, gegen Abtretung der Kontrolle über Sizilien zu einem Einvernehmen mit Geiserich zu gelangen, der kurz danach starb; 474 war es zwischen diesem und Byzanz zum Frieden gekommen.
 
Veränderungen in Gallien
 
In Gallien hatte sich inzwischen die Lage entscheidend zuungunsten Roms gändert. Dort dehnte sich seit 476 das westgotische Reich bis zu den Ligurischen Alpen und zur Loire aus, mit Arles und Marseille in gotischer Hand. Eurich konnte auch Spanien bis auf das swebische Gebiet vollständig besetzen und überdies sein Reich innerlich festigen, wobei er sich nicht zuletzt römischer Ratgeber bediente. Im Norden vermochte bald danach Chlodwig (482—511), Sohn des Childerich, als fränkischer Teilkönig durch Beseitigung anderer Amtskollegen eine Einheit zu schaffen und sich nach Süden auszudehnen. Die letzte römische Enklave in Gallien, das Reich des Syagrius, der im Namen Roms, aber faktisch selbstständig regierte (rex Romanorum), wurde 486/487 schnell überrannt, Syagrius nach der Flucht von den Westgoten an Chlodwig ausgeliefert und hingerichtet. Ein Sieg über die Alamannen wohl 496 bei Zülpich und 507 über Alarich II., den Sohn Eurichs, brachte Chlodwig fast bis an die Pyrenäen. Seine Taufe zum katholischen Christen bald nach 496 hatte politische Folgen und eröffnete ihm eine Verbindung zu Ostrom, das ihm 508 das Ehrenkonsulat verlieh. Ein enges Verhältnis zu den ebenfalls katholischen Burgundern bedeutete eine weitere Stärkung.
 
Zwar starb Chlodwig bereits 511, doch setzten seine Söhne nach der Reichsteilung trotz vielfacher Rivalitäten untereinander konsequent seine Politik fort. Sie unterwarfen 534 das Burgunderreich; Heiratsverbindungen und Erbstreitigkeiten führten nach zwei Kriegen 529 und 531 zur Angliederung auch des Thüringerreiches, und ein Vertrag mit den Ostgoten 536 brachte die Franken in den Besitz des Gebietes zwischen Alpen und Donau. Das war längst keine Landnahme und auch kein Suchen nach Plätzen mehr, um zu überleben, wie dies die früheren Zeiten der Völkerwanderung kennzeichnete, sondern territoriale Expansion, verbunden bereits mit systematischer Aufgliederung des Gewonnenen in untergeordnete Verwaltungsbezirke und Herzogtümer. Mit dem Imperium Romanum hat dies nichts mehr zu tun, auch wenn man das Verhältnis zu diesem nach wie vor als wichtig ansah. Das Frankenreich als Ganzes, nunmehr vom Atlantik bis nach Mitteldeutschland, an den Böhmerwald und an die pannonische Grenze reichend, war freilich durch Zusammenstöße mit Awaren und Slawen an seiner Ostgrenze noch einmal mit den Ausläufern der Völkerwanderung konfrontiert. Seine weitere Geschichte in dieser Zeit indes gehört dem Mittelalter an.
 
Odoaker und Theoderich
 
Odoaker deutete seine Herrschaft in Italien als ein Provisorium. Wie alle germanischen Heerführer hielt er von der Übernahme einer Kaiserrolle nichts und übersandte die kaiserlichen Insignien nach Byzanz. Unter welchem Titel er regierte, ist unklar, seine Anhänger hatten ihn noch vor der Bestätigung durch den Kaiser zum König (rex) erhoben und damit die Voraussetzung einer Legalisierung des Aktes geschaffen. Es wäre möglich, dass er sich nach Anfragen in Byzanz die römischen Amtstitel eines magister militum und eines patricius selbst zulegte. Ganz offenkundig aber verstand sich Odoaker als der Platzhalter des Kaisers, sorgte für die angemessene Entlohnung seiner Truppen, eines Konglomerats aus verschiedenen Stämmen, und deren Ansiedlung. Die politischen Institutionen des Westreiches blieben bestehen, mit Römern besetzt. Die von Odoaker ernannten Konsuln wurden im Osten anerkannt. Auch sein Verhältnis zu Senat, Papst und Kirche war gut, ein Steuernachlass 476 wird ihm beim Volk Sympathie eingetragen haben. Auf eine eigene Münzprägung verzichtete er. Seine Beziehungen zu den anderen germanischen Staaten waren leidlich.
 
Zum Bruch mit Byzanz indes kam es, als Odoaker dynastische Streitigkeiten im Rugierreich zum Vorwand nahm, dieses zu zerstören, wobei König und Königin getötet wurden. Die romanisierte Bevölkerung Noricums und des östlichen Rätien nahe der Donau ließ Odoaker evakuieren (487). Dort hatte wohl nach Abzug der Goten der heilige Severin, offensichtlich ein Emissär aus Byzanz (✝ 482), durch sein Wirken das Selbstbewusstsein der Bevölkerung gestärkt, Verteidigungsmöglichkeiten geschaffen und durch das Ausweiten seiner Tätigkeit bis tief nach Binnennoricum hinein die Infrastruktur ausgebaut, karitative Institutionen ins Leben gerufen und Klöster gegründet. Seine Autorität wurde von den rugischen Königen anerkannt, und auch auf die zwischen Alpen und Donau operierenden Alamannen übte er einen mäßigenden Einfluss aus. Odoaker hatte ihn beim Übertritt in den römischen Dienst aufgesucht.
 
Byzanz war zu einem militärischen Gegenschlag nicht in der Lage. Doch bereits Ende der Sechzigerjahre hatten die Ostgoten, durch Kämpfe mit den germanischen Nachbarn und den Abzug einer Gruppe nach Italien (wohl 467) dezimiert, Pannonien aufgegeben, um in Thrakien, Makedonien und selbst in Thessalien neue Wohnsitze zu suchen. Unter Führung ihres Königs Theoderich (ab 471), ehemals Geisel in Konstantinopel, hatten sie Auseinandersetzungen mit den anderen gotischen Gruppen im kaiserlichen Dienst zu bestehen. Theoderich, bei ständigem Wechsel seiner Stellung für oder gegen den Kaiser, wurde nacheinander zum patricius (476), magister militum (483) und Konsul (484) erhoben, doch es blieb nicht zu übersehen, dass Konflikte nicht zur Ruhe kamen und die Anwesenheit seines Volkes als Belastung empfunden wurde. So ergriff Kaiser Zenon gern die Gelegenheit, Theoderich den Zug nach Italien nahe zu legen, wo er Odoaker ablösen und in einem nunmehr von vornherein geklärten, verbesserten Verhältnis zu Ostrom dessen Herrschaft übernehmen sollte. Der Plan wurde während des Rugierkrieges gefasst, in Bewegung setzte sich die Masse des Volkes 488, zweifellos wieder aus einer Vielfalt von Teilnehmern nicht ausschließlich germanischer Herkunft bestehend. Einen Teil machten, mit begrenzter Eigenständigkeit, geflohene Rugier aus. Über die Stärke gibt es nur Vermutungen, über eine Gesamtzahl von höchstens 100000 bis 150000 Menschen wird man nicht hinausgehen können, was eine Streitkraft von 30000 bis 40000 Kriegern ausmacht. Der Zug wurde auf seinem Weg durch die Gepiden belästigt, mit denen die Ostgoten seit 454 offenkundig nie mehr zu einem guten Verhältnis gelangt waren und die wohl bereits um diese Zeit das Gebiet um Sirmium (heute Sremska Mitrovica in Serbien) beanspruchten.
 
Die Eroberung Italiens selbst dauerte von 489 bis 493. Die Kämpfe waren wechselhaft, es scheint indes, dass Theoderich, wohl mit byzantinischer Hilfe, den Senat für sich gewann. Senatsgesandtschaften nach Ostrom in den Jahren 490, 493 und 497 unterstützten seine Absichten. Der in Ravenna belagerte Odoaker hatte seinen Sohn Thela zum Caesar erhoben, was die Usurpierung einer kaiserlichen Würde für ihn selbst bedeutete. Nach Abschluss eines Vertrages, wonach Odoaker und Theoderich gemeinsam von Ravenna aus die Samtherrschaft über Italien ausüben sollten, zog Letzterer in Ravenna ein und ermordete Odoaker (493). Als Grund für die Tat galt die Blutrache für das mit dem Ostgoten verwandte rugische Königshaus. Dass Theoderich, wie überliefert, auch alle Anhänger Odoakers, das heißt das ganze Heer, töten ließ, ist indes undenkbar.
 
Die Stellung Theoderichs und seiner Goten
 
Noch im Jahr 493, unmittelbar nach Beendigung der Kämpfe, rief das Heer Theoderich zum König aus. Die endgültige Bestätigung durch den Kaiser blieb freilich aus, was sich aus dem Herrscherwechsel in Byzanz 491 und wohl auch aus dem Misstrauen des neuen Kaisers, Anastasios (491—517), erklärt. Erst 497 erhielt Theoderich die Abzeichen seines Ranges, den Purpurmantel und wohl auch das Diadem. Klar waren auch jetzt weder seine Stellung noch die weiteren Zukunftserwartungen. Einerseits, als rex, war er König eines germanischen Volkes, anderseits gehörte er bereits zur höchsten Führungsschicht des Imperiums. Seine Insignien waren die eines Herrschers, ranggleich fast dem Kaiser, doch übte er die Funktionen von dessen Stellvertreter aus, erließ nur Edikte, nicht Gesetze, wenngleich für Goten wie Italiener gleichermaßen. Dass selbst aus offiziellen Schreiben keine klare Umschreibung von Subalternität oder Abhängigkeit zu gewinnen ist, besagt nichts. Germanische Könige im römischen Dienst hatte es zwar schon häufig gegeben, doch: Eine Stellung, wie Theoderich sie innehatte, war neu. Aus römischer Sicht war sie indes als Kompromiss die beste aller Lösungen des Problems der Völkerwanderung und der Zerstörung des Imperiums durch neue, in ihrem Wesen barbarische Reiche. Sie setzte jedoch Harmonie zwischen Ravenna und Konstantinopel und ein Andauern der Interessengemeinschaft voraus.
 
Die Ansiedlung des Volkes machte kaum Schwierigkeiten. Angesichts seiner Verteidigungsaufgabe konzentrierte man es in Gegenden nahe der wirklich gefährdeten Stellen, unweit der gallischen Grenze und um Ravenna. Südlich Roms gab es offensichtlich keine gotischen Ansiedlungen. Garnisonen waren allerdings überall, auch außerhalb Italiens möglich. Land stand wohl zur Verfügung, eine Entschädigung ehemaliger Besitzer war zweifellos möglich, das Steueraufkommen der italischen Präfektur (einschließlich des nördlichen Illyricum) stand Theoderich zur Verfügung. Im Übrigen blieb in der Ämterbesetzung die Trennung zwischen Goten und Römern aufrechterhalten; darüber hinaus lässt ein Heiratsverbot vermuten, dass man auf eine Integration bewusst verzichtete. Neben den römischen Ämtern stand eine gotische Ämterhierarchie mit Kompetenzen für den militärischen wie den zivilen Bereich, auch die Zusammenarbeit bei Streitigkeiten zwischen beiden Bevölkerungsgruppen war geregelt.
 
Bildeten die Zuwanderer demnach eine permanente Sicherung des Landes mit militärischer Organisation und jährlichen Zuwendungen des Königs, so blieb für die ursprünglichen Einwohner die regionale wie zentrale Verwaltung unangetastet, wenngleich durch den König kontrolliert. Gleiches galt für den Senat. Direkte Verbindungen zwischen solchen Institutionen und Byzanz wurden vermieden, waren auf dem Wege über persönliche Beziehungen aber sicherlich möglich, gleiches wird für die kirchlichen gegolten haben. Die Frage des Hochverrats stellte sich von hier aus nur in Krisenzeiten. Wichtiger war, dass Theoderich sofort begann, durch dynastische Beziehungen die germanischen Reiche im Westen an sich selbst und damit wieder an das Imperium zu binden. Die Verheiratung von Töchtern an den Westgoten Alarich II. und den Burgunder Sigismund bald nach der Herrschaftsübernahme, der Schwester Amalafrida an den Wandalen Thrasamund (um 500) und der Nichte Amalaberga an den Thüringerkönig Herminafried (um 510, dazu kam die Adoption des Herulerkönigs Rodulf) folgte der eigenen Heirat mit Autofleda, einer Schwester Chlodwigs (bereits 493). Verträge in Zusammenhang damit sind nicht bekannt, doch konnten die familiären Bindungen einen wirkungsvollen Ersatz für ein rechtlich fundiertes Bündnis gelten. Diese Erwartung freilich trog. Chlodwigs Expansion nach Süden zwang Thoderich 508 zu militärischem Eingreifen, um die Verbindung nach Spanien zu sichern, wo er überdies auch den Bestand des Reiches zu gewährleisten hatte, und unter Hilderich (523-530), dem Sohn Hunerichs und der Eudocia, kam es zum gewaltsamen Abbruch der Beziehungen zu den Wandalen. Gescheitert ist diese Politik danach auch in den andern Reichen. Zunächst hatte Theoderich jedoch Erfolg: Er stabilisierte die Stellung des Gotenreiches in Italien schnell und hatte, obwohl Arianer, ein gutes Verhältnis zur Kirche. Sein Eingreifen in eine langanhaltende Krise um die Papstwahl des Symmachus (496-514) wurde allgemein anerkannt. Sein Verhältnis zu Byzanz erscheint als korrekt, das ostgotische Eingreifen gegen die Gepiden, die das zum Interessengebiet gehörende Sirmium eroberten, führte 504 zwar zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Kaiser, die bis 510 anhielten und Rückschläge für Theoderichs Germanenpolitik brachten, doch ein Konflikt auf Dauer war dies nicht.
 
Das Ende des Ostgotenreiches
 
Die neue Dynastie in Byzanz (ab 517) scheint freilich von anderen Erwägungen ausgegangen zu sein. Hatte sich das Ostgotenreich als außerstande erwiesen, die westliche Imperiumshälfte zu ordnen oder gar dem Imperium wieder anzugliedern, so zeichnete sich nun als neues Ziel die gewaltsame Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete ab. Glaubensfragen kamen dazu, die das Schicksal der arianischen Kirche betrafen. Neuen Spannungen zwischen Ravenna und stadtrömischem Adel fielen zwei der bedeutendsten Vertreter der römischen Senatsaristokratie, Boethius und Symmachus, zum Opfer, die der Konspiration mit Ostrom bezichtigt und hingerichtet wurden. Doch nach dem Tod Theoderichs, 526, wurde erstmals auch eine nationalgotische Opposition sichtbar, die um der Erhaltung gotischer Selbständigkeit willen zur Konfrontation mit Byzanz bereit war. Dies umso mehr, als die Nachfolgefrage ungeklärt war. Theoderichs Tochter Amalasuntha, Vormund für den minderjährigen Athalarich, geeriet in immer größere Schwierigkeiten und beabsichtigte zeitweise die Flucht zum Kaiser. Doch führte - einAkt von persönlicher Rache - nach dem Tod des Sohnes 534 die Mitregentschaft ihres Vetters Theodahad zur Verhaftung und Tötung der Königin durch Goten und als weiterer Folge davon zum Eingreifen des Kaisers, der nunmehr (seit 527) Justinian hieß. Byzanz war es bereits 534 ohne große Mühe gelungen, das Wandalenreich wieder zu unterwerfen. Die Kapitulation des letzten Königs, Gelimer, hatte zur Neueinrichtung einer Präfektur geführt, der physisch geschwächte wandalische Bevölkerungsteil verschwand schnell oder löste sich in der byzantinischen bzw. einheimischen Bevölkerung auf. Nach ergebnislosen Verhandlungen kam es 535 in Italien zur Besetzung Siziliens und Neapels durch byzantinische Truppen, doch auch zur Ermordung Theodahads und nunmehr eines energischen Widerstandes von seiten der Goten unter Witigis. Hatte Justinian offensichtlich mit einer mühelosen Einnahme Italiens gerechnet, so zogen sich die Kämpfe auf der ganzen Halbinsel wider Erwarten über zwei Jahrzehnte hin. Die Stärke der byzantinischen Armee unter Belisar erlaubte keine umfassenden Aktionen, doch kam es zur Besetzung Roms und einer mehr als einjährigen Belagerung durch die Goten. Vor der gotischen Kapitulation 540 hatte Witigis 536 den Franken für ein Hilfsversprechen die Gebiete nördlich der Alpen abgetreten (536), ein fränkischer Angrifff 538 nach Italien freilich richtete sich gegen beide Seiten.
 
In diese Zeit fielen auch die Angliederung Burgunds und des Thüringerreiches an das Fränkische Reich, und 541 stießen zwei der Nachfogler Chlodwigs bis tief nach Spanien vor. Byzanz war zu Gegenmaßnahmen nicht in der Lage. Doch nach 540 entstand in den offensichtlich von der Kapitulation ausgenommenen gotischen Ansiedlungen nördlich des Po ein neues Widerstandszentrum. Unter Totila als neu gewähltem König zogen die Goten über den Po nach Süden Die Invasion überrollte die schwachen Garnisonen und fand angesichts der rigoros von Byzanz eingetriebenen Steuern auch bei Italienern Zustimmung. Der Krieg, der sich über dreizehn Jahre hinzog, wurde zwangsläufig mit geringen Kräften geführt und bestand in handstreichartigen Überfällen und Überraschungserfolgen. Die byzantinischen Truppen mit Barbaren verschiedener Herkunft, erwiesen sich als unzuverlässig, die Feldherren als außerstande zu wirklichen Aktionen. Es kam zur vorübergehenden Einnahme Süditaliens, ja selbst Siziliens (550), Sardiniens und Korsikas (551) durch die Goten; Rom wechselt mehrfach den Besitzer. Auch dem aus dem Osten zurückgekehrten Belisar war kein Erfolg beschieden. Die allgemeine Verhärtung des Krieges führte zur Verwüstung und Entvölkerung des Landes wie der Städte, auch Roms. Totila scheint, um Anhänger zu gewinnen, eine umfassende Sklavenbefreiung und die Förderung der unteren Schichten versucht zu haben. Die Geiselhaft und Tötung einer großen Zahl römischer Senatoren gehört in diesen Zusammenhang. Bündnisangebote an Byzanz indes fanden kein Gehör, Hilfsverträge mit den Franken (546) brachten die endgültige fränkische Besetzung Oberitaliens bis Venetien, ohne dass die Goten wirksame Hilfe erhielten. Auch an der Donau drangen die Franken - nach Überwältigung von Thüringern und Herulern - bis an die byzantinischen Interessengrenzen vor und umschrieben dem Kaiser deutlich ihren Machtanspruch.
 
Doch um die gleiche Zeit (552) versuchte Justinian auch die Rückeroberung Spaniens. Sein Eingreifen dort in Thronstreitigkeiten führte zur Besetzung des südöstlichen Teils der Halbinsel um Cartagena und Malaga unter Führung des hochbetagten Liberius, nach Theoderichs Tod im Dienst des Kaisers mehrfach bewährt. Die byzantinische Enklave dort hielt sich mehrere Jahrzehnte, an der Nordspitze Afrikas blieb gegenüber Gibraltar eine byzantinische Station bis zur arabischen Eroberung 711 bestehen. Trotz großer Beanspruchung an vielen Fronten vermochte Byzanz ab 550 noch einmal eine Armee aus Langobarden, Herulern, Gepiden, dazu Persern und selbst Hunnen zu mobilisieren und auf dem Landweg durch Dalmatien und Venetien, an den Franken vorbei, nach Italien zu bringen. Geführt wurde sie von Narses, einem armenischen Eunuchen und kaiserlichen Hofbeamten. Den Goten zahlenmäßig überlegen, zwang sie Totila bei Tadinae (zwischen Ancona und Rom) im Sommer 552 zur Entscheidungsschlacht. Totila fiel, die Goten wichen unter Teja, einem Verwandten Totilas, nach Süden aus, wurden aber am Mons Lactarius, südlich des Vesuvmassivs, zusammengedrängt. Im Kampf Mann gegen Mann fiel auch Teja, der letzte ostgotische König (553). Doch nahm Narses die Unterwerfung des gotischen Restes an, der in seine Heimat nach Oberitalien zurückkehrte. Derweil stießen riesige fränkische bzw. alemannische Heerhaufen, unklar ob in königlichem Auftrag oder als Banden, bis nach Süditalien vor und konnten, dezimiert durch Seuchen, erst nach zwei Jahren vernichtet werden. Der gotische Kommandant von Cumae, wo der Staatsschatz lagerte, erhielt im byzantinischen Dienst sofort ein entsprechendes Kommando. An den Plünderzügen nahmen teilweise auch bereits zurückgekehrte Goten teil. Bei einem späteren Aufstand nochmals vermindert (562), verschwand der gotische Bevölkerungsteil aus der Geschichte. Bereits 540 war, wie auch der Großteil der Wandalen, die Masse der Wehrfähigen an die persische Front geschickt worden und damit für Italien verloren. Die Familien, soweit sie nicht in den Osten folgten, gingen in der italischen Bevölkerung auf; für Afrika wird die Verheiratung von Wandalinnen besonders mit byzantinischen Soldaten eigens hervorgehoben.
 
Die Langobarden und Baiern setzen den Schlusspunkt
 
An der Donau hatten die aus dem östlichen Germanien eindringenden Langobarden die Sitze der Rugier eingenommen, gerieten aber zeitweise unter die Oberhoheit der östlich davon siedelnden Heruler. Doch gelang es ihnen, diese abzuschütteln (508); die östlichen Heruler verschwanden danach aus der Geschichte. Ein Teil wurde in Byzanz aufgenommen, ein anderer zog in die skandinavische Heimat zurück, ein Rest wanderte mit den Langobarden in Italien ein. Schwere Kämpfe zwischen Langobarden und Gepiden im heutigen Siebenbürgen in den folgenden Jahren hatten vor allem dynastische Gründe, doch war indirekt als Partner der verschiedenen Seiten auch Byzanz beteiligt. Die Gepiden wurden dabei derart geschwächt, dass sie in den Sechigerjahren schnell in die Abhängigkeit der Awaren gerieten. Ein Vertrag mit Byzanz um 546 erlaubte den Langobarden die Landnahme auch in Pannonien, dies nicht zuletzt als Sicherung gegen die fränkische Expansion. Eine Siedlung auf die Dauer aber war dort nicht möglich. Der Druck der Awaren, die, auch ihrerseits Bundesgenossen von Byzanz, in kurzer Zeit die Territorien nördlich der Donau bis an den Alpenrand besetzten, zwang die Langobarden unter Alboin 568 zum Abzug nach Italien, zusammen mit pannonischen, swebischen, herulischen, thüringischen und gepidischen Resten, dazu selbst einigen Sachsen, die indes bald wieder in ihre Heimat zurückkehrten. In Italien war durch Byzanz 554 auf dem Gesetzwege die Rückkehr zur alten Ordnung verfügt worden. Die municipale Einteilung behielt man bei, auch Ämter und Funktionen auf regionaler Ebene, doch scheint man auf eine zivile Verwaltung vorerst verzichtet zu haben. Alle Erlasse der ostgotischen Regierung unter Totila wurden aufgehoben, was auch die Rückkehr der in dieser Zeit freigelassenen Sklaven zu ihren alten Herren und die Aufhebung ihrer mit Freien geschlossenen Ehen bedeutete. Schlimmer freilich war die steuerliche Belastung für die Bevölkerung; ein fünfjähriges Moratorium für Schuldzahlungen bewirkte zweifellos wenig in dem schwer mitgenommenen Land. Den Langobarden gelang es nach Abberufung des hochbetagten Narses mühelos, Italien zu besetzen und die byzantinische Herrschaft abzulösen bzw. auf wenige Enklaven zu beschränken. Zwar zerfiel das langobardische Reich bei Ermordung des Königs 572 in 35 Herzogtümer. Eine neu sich herausbildende zentrale Regierung 584 vermochte nur die nördlichen von ihnen zusammenzufassen, die südlichen (Benevent, Salerno) blieben selbständig und konnten sich bis ins 12. Jahrhundert halten. Das Laangobardenreich geriet im 8. Jahrhundert unter fränkische Oberhoheit und wurde unter Karl dem Großen Teil des Fränkischen Reiches, der langobardische Bevölkerungsteil war um diese Zeit bereits weitgehend in der italienischen Bevölkerung aufgegangen.
 
Ein letzter Ausläufer dieser Entwicklung war die Herausbildung des baierischen Volkes nördlich der Alpen zwischen Lech und Enns. Begonnen hatte diese wohl bereits im 3. Jahrhundert mit dem Fall des Limes. Durchgangsland für alle Züge zwischen Ost und West, hatte dieses Gebiet besonders zu Beginn des 5. Jahrhunderts markomannische Reste aufgenommen, wie dies auch Bodenfunde bestätigen. Nach Zerfall des Hunnenreiches wird es zu einem neuen Zustrom von verschiedenen Seiten gekommen sein. Für die Besiedlung selbst nimmt die Bodenforschung verschiedene, voneinander abgehobenen Phasen an. Eine wirkliche Kontrolle durch das Ostgotenreich ist trotz geäußerter territorialer Ansprüche (Cassiodor 3, 50; 8, 21) fraglich; nach der Abtretung 536 blieb die fränkische Oberhoheit bestehen. Die Ableitung des Namens, entweder aus einer bereits keltischen Bezeichnung für Böhmen oder einem Lande Baias, ist unklar; zur Umschreibung des Stammes fixiert ist er in der Mitte des 6. Jahrhunderts, was eine bereits weitgehende Verschmelzung der Teile voraussetzt. Erwähnt werden fünf Geschlechter wohl in der Rolle regionaler Territorialherren Der Name der Herzogsdynastie (Agilolfinger) wie der des ersten der Reihe (Garibald) weist auf langobardische Einflüsse hin, wozu um die Jahrhundertmitte auch dynastische Beziehungen kommen. Vor der endgültigen Eingliederung in das Frankenreich durch Karl den Großen spielten die Baiern in der Missionierung und zugleich in der Abwehr der Slawen eine herausragende Rolle.
 
Der Ausklang
 
Mit der langobardischen Landnahme in Italien ging die Völkerwanderung zu Ende, soweit sie die Germanen betraf. Die der nichtgermanischen Stämme und Völker, an sie angeschlossen und von ihr mitbedingt, hatten andere Voraussetzungen und auch andere Ziele; eine Wirkung des germanischen wie auch des römischen Vorbilds war vielleicht die Imperiumskonzeption des Attila. Eine innere Verschiebung innerhalb des Prozesses freilich ist nicht zu übersehen. War von Anfang an das Fernziel aller Wanderungs- und Landnahmeversuche die Aufnahme in einem bestehenden Imperium Romanum, also in der gesamten antiken Welt mit ihren Vorzügen, ihren Lebensmöglichkeiten und ihrem Reichtum, dass heißt Eingliederung, Einordnung und Teilnahme an ihren Segnungen, so müssen sich diese Zuwanderer früh über die Unerfüllbarkeit solcher Erwartungen klar geworden sein. Die Gewalt, die in Plünderzügen, Angriffen und Verwüstungen seit dem 2. Jahrhundert das Verhältnis dieser Stämme und Völkerschaften zum Imperium kennzeichnete, war die unvermeidliche Reaktion auf diese Erkenntnis, neben der freilich zugleich immer noch die Hoffnung auf eine Erreichung der alten Ziele stand. An Kräftezuwachs aus der Barbarenwelt war Rom zweifellos interessiert; Umfang und Form aber, in der ein solcher sich dem Imperium anbot, waren von diesem nicht zu verkraften. So blieb nur die Abwehr und der Versuch, bestenfalls außerhalb der Grenzen den Gegner zur Ruhe kommen zu lassen, ihm Hilfestellung zur Errichtung einer festen staatlichen Ordnung zu geben und ihm durch Subventionen und materielle Hilfe einen Teil des Erhofften zu vermitteln, um auf diese Weise dem Imperium selbst die notwendige Ruhe zu verschaffen.
 
Die zweite Phase, gegen Ende des 4. Jahrhunderts einsetzend, war die einer Bildung germanischer Reiche auf dem Imperiumsterritorium. Auch sie scheinen eine Form des Ersatzes für getäuschte Hoffnungen gewesen zu sein. Aber zugleich waren sie wohl indirekt bereits die Folge einer als notwendig erkannten Staatlichkeit unter Zuhilfenahme der erwähnten Hilfsmittel, der Herausbildung von Herrscherdynastien und einer den inneren wie den äußeren Umständen angepassten Struktur. Von da an war im Westen alle Bewegung nur noch Expansion in benachbarte Gebiete aus machtpolitischen Gründen; für die Franken war dies stets selbstverständlich. Im 5. Jahrhundert wurde die Geschichte der Völkerwanderung zu der von etablierten germanischen Reichen, und auch neuer Zuzug ging in diesen auf. Geändert hatte sich auch die Richtung dieser Züge. War zweifellos am Anfang das ganze Imperium Ziel und Hoffnung zugleich, die Abschottung der östlichen Hälfte zwang zu einer Westdrift, die sich durch das Auftreten der Hunnen noch verstärkte. Dagegen war die Landnahme der ostgermanischen Stämme nach dem Tod Attilas nur noch von regionaler Bedeutung; eine Ansiedlung auf Imperiumsgebiet um jeden Preis ist nicht mehr für alle nachzuweisen. Für all diese Staaten waren die eigene Stabilität und die Unabhängigkeit wichtigstes Ziel. So kamen die einzelnen Dynastien ohne eine führende Schicht zur eigenen Unterstützung nicht aus, wie immer sich die Eigenheiten wie auch die Privilegien dieses Adels von Fall zu Fall unterschieden haben mochten. Vordringlicher freilich war jeweils die Sicherung der Dynastie und mit ihr der Monarchie als solcher. Dieser Sicherung diente denn auch die Kodifikation des Rechts, wobei Elemente des römischen Rechts mit solchen germanischen verbunden wurden: bei den Westgoten unter Eurich, dann erneut 681, bei den Burgundern, den Franken, später bei den Langobarden und den Baiern, aber offenkundig nicht bei den Wandalen. Damit war auch die Möglichkeit geschaffen, den ehemals römischen Untertanen, deren Integration keine Schwierigkeiten bereitete, entgegenzukommen.
 
Man suchte auch die Lebensformen der antiken Welt beizubehalten und sich ihrer zu bedienen, aber diese blieben Äußerlichkeit, die Zivilisation der neuen Völker entwickelte sich eher von dieser weg. Das Lateinische als die im Offiziellen verbindliche Sprache geriet in einen Prozeß der Barbarisierung, obwohl es vor allem die Sprache der Kirche blieb und sich als entscheidendes Instrument der Christianisierung das Mittelalter hindurch hielt. Die Versuche, es der antiken Literatur gleichzutun, scheiterten. Die Annahme des Christentums in seiner arianischen Form unterlag keinem Zwang. Ein Politikum scheint die Frage der Religion nur bei den Wandalen und dann bei Chlodwig gewesen zu sein. Dass die päpstliche Autorität mit der Zeit aber zu einem Ersatz für die nicht vorhandene kaiserliche wurde, liegt auf der Hand. Sie hat zweifellos später die Annahme des Katholizismus erleichtert. So mag man dennoch von einer Kontinuität der Zivilisation wie der Kultur sprechen. Wie weit sie von den Betroffenen als solche bewusst wahrgenommen wurde, bleibt zu fragen.
 
Das Ende der Völkerwanderung lässt sich verschieden ansetzen: mit der langobardischen Besetzung Italiens, aber auch schon mit dem Ende des Ostgotenreiches oder erst mit dem scheinbaren Ende einer mittelmeerischen Gemeinsamkeit als Folge der Ausbreitung des Islam. Mit dem Ende des Römischen Reiches ist es das gleiche. Von den bekannten Epochenjahren hat jedes seinen Sinn: 378 (Sieg der Goten bei Adrianopel), 395 (Reichsteilung nach dem Tod Theodosius' I.); 410 (Alarich in Rom); 455 (die Wandalen in Rom); 476 (Absetzung des Romulus durch Odoaker); 568 (Eroberung Italiens durch die Langobarden) oder erst 800, als mit der Kaiserkrönung Karls in Rom ein neues Zeitalter begann. Byzanz, untergegangen erst 1453, verkörperte die Tradition des Imperiums nur noch zum Teil.
 
Prof. Dr. Gerhard Wirth
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Konstantinopel: Das zweite Rom im Osten
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Römisches Kaiserreich
 
 
Bracher, Karl Dietrich: Verfall und Fortschritt im Denken der frühen römischen Kaiserzeit. Studien zum Zeitgefühl und Geschichtsbewußtsein des Jahrhunderts nach Augustus. Wien u. a. 1987.
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 Demougeot, Émilienne: L'Empire romain et les Barbares d'Occident. (IVe-VIIe siècle ). Scripta varia. Paris 1988.
 Demougeot, Émilienne: La formation de l'Europe et les invasions barbares. 2 Bände. Paris 1969-79.
 Dobesch, Gerhard: Vom äußeren Proletariat zum Kulturträger. Ein Aspekt zur Rolle der Germanen in der Spätantike. Amsterdam 1994.
 Fischer, Joseph: Die Völkerwanderung im Urteil der zeitgenössischen kirchlichen Schriftsteller Galliens unter Einbeziehung des heiligen Augustinus. Heidelberg 1948.
 Jones, Arnold H. M.: The decline of the ancient world. London 1968.
 
Kulturbruch oder Kulturkontinuität im Übergang von der Antike zum Mittelalter, herausgegeben von Paul Egon Hübinger. Darmstadt 1968.
 Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. München 31995.
 Mazzarino, Santo: Das Ende der antiken Welt. Aus dem Italienischen. München 1961.
 
Das Reich und die Barbaren, herausgegeben von Evangelos K. Chrysos und Andreas Schwarcz. Wien u. a. 1989.
 
Reallexikon der germanischen Altertumskunde, begründet von Johannes Hoops. Herausgegeben von Heinrich Beck u. a. Auf zahlreiche Bände berechnet. Berlin u. a. 21973 ff.
 Schmidt, Ludwig: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgange der Völkerwanderung. 3 Bände. Berlin 21934-42. Nachdruck München 1969-70.
 Straub, Johannes A.: Regeneratio imperii. Aufsätze über Roms Kaisertum und Reich im Spiegel der heidnischen und christlichen Publizistik. 2 Bände. Darmstadt 1972-86.
 
Der Untergang des Römischen Reiches, herausgegeben von Karl Christ. Darmstadt 21986.
 Vogt, Joseph: Der Niedergang Roms. Metamorphose der antiken Kultur. Aus dem Englischen. Zürich 1965.
 
Von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Aktuelle Probleme in historischer und archäologischer Sicht, herausgegeben von Joachim Werner und Eugen Ewig. Sigmaringen 1979.
 Walser, Gerold / Pekáry, Thomas: Die Krise des römischen Reiches. Bericht über die Forschungen zur Geschichte des 3. Jahrhunderts (193-284 n. Chr. ) von 1939 bis 1959. Berlin 1962.
 Wolfram, Herwig: Das Reich und die Germanen. Zwischen Antike und Mittelalter. Sonderausgabe Berlin 1994.
 
Zur Frage der Periodengrenze zwischen Altertum und Mittelalter, herausgegeben von Paul Egon Hübinger. Darmstadt 1969.

Universal-Lexikon. 2012.

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